doks. innovation mit Innovation durch die Krise
18. März 2020|16 Minutes

Mit Innovation durch die Krise – Ein unverschämt optimistischer Plan

„Flatten the Curve“ ist die derzeit größte Herausforderung für die globale Gesellschaft, ganz gleich in welchem Land, welcher Region und welcher Stadt. Die gemeinsame Umsetzung grenzenübergreifender Maßnahmen erlebt leider auch hier wieder entscheidende Einschränkungen. Mag es Kurzsichtigkeit, Egoismus oder einfach das Verleumden von Tatsachen sein – nicht überall werden die wenigen Erkenntnisse im Zusammenhang mit #COVID-19 so genutzt, dass ein Abflachen der Kurve möglich ist. (Quelle: Washington Post)

Neben den gesundheitlichen Risiken haben die vergangenen Tage gezeigt, dass die Weltwirtschaft sehr empfindlich auf eine solche #Pandemie reagiert. Wenngleich sich viele Experten sicher sind, dass das Ventil #COVID-19 den Prozess des Abkühlens der Weltwirtschaft nur beschleunigt hat und besonders die #Trump Economy bereits vor dem weltweiten Ausbruch des #Coronavirus vor ernsthaften Problemen stand (Quelle: Project-syndicate), sind die Folgen des Absturzes an den Börsen und den zeitversetzten Folgen für die Gesellschaft gravierend. Der Absturz der Börsen an den weltweiten Handelsplätzen wirft ganz neue Fragen auf – was bspw., wenn Handelsplätze komplett schließen müssen (Quelle: CNBC) oder die US-Regierung nicht ausreichend gegensteuert, wie sie es nach 9/11 getan hat (Quelle: Forbes)? In einem sehr guten deutschen Beitrag von Daniel Stelter, bis 2013 Teil von BCG, wird gut dargestellt, welche Phasen diese Finanzkrise durchlaufen wird und welche Auswirkungen der #LeverageEffekt haben wird (Quelle: Manager Magazin).

 

Die Lage für junge Unternehmen spitzt sich zu

Gründe für den sprichwörtlichen Kopf im Sand gäbe es genug. Die aktuelle Lage für Unternehmen wie doks. innovation GmbH ist angespannt, wenn nicht gar kritisch:

  • Wichtige Veranstaltungen werden abgesagt oder verschoben, damit brechen Vertriebs- und Marketingkanäle ab
  • Innovationsmeetings in kleinen und großen Kreisen fallen aus oder sind verschoben
  • Kundentermine fallen aus oder werden verschoben
  • Kundenprojekte werden gestoppt, pausiert oder verschoben
  • Investoren ziehen sich zurück oder bitten um Verschiebung anstehender Finanzierungsrunden

Alle genannten Faktoren gefährden das Überleben von jungen Unternehmen in innovativen Bereichen, besonders, wenn die erwirtschafteten Umsätze noch nicht ausreichen, um die laufenden Kosten zu decken oder gar ein finanzielles Polster zu erarbeiten. Selbiges gilt für Freiberufler, die Kreativwirtschaft, den Einzelhandel und viele, viele mehr.

Nach einer ersten Bestandsaufnahme der Risiken der derzeitigen Situation ist es zwingend erforderliche, sich mit möglichen Gegensteuerungsmaßnahmen zu befassen:

  • Kurzarbeitergeld – grundsätzlich kurzfristig attraktiv, um die laufenden Personalkosten zu reduzieren, jedoch passen aufstrebendes Start-Up und Kurzarbeit nicht zwingend zusammen. Zudem ist ein Reduzieren oder Einstellen der Entwicklungsarbeit im Zusammenhang mit etwaig öffentlich geförderten Forschungsprojekten gar nicht so einfach möglich – ich komme später hierauf zurück.
  • Staatliche Kredite – ganz gleich zu welchem Zinssatz, die Verbindlichkeiten müssen später bedient werden können. Zudem sind diese Kredite in den meisten Fällen nur zur Deckung von Liquiditätsengpässen im Zusammenhang mit Investitionen oder Betriebsmitteln möglich, eine Deckung anderer Kosten, besonders der Personalkosten, ist meist nicht vorgesehen.
  • Bürgschaften des Bundes oder der Länder – auch hier dürften sich Start-Ups sehr schwertun , diese Option zielführend zu nutzen.

 

Optimismus und Weitblick

Ich habe am Wochenende einen Vorschlag ausgearbeitet und an die Bundesregierung sowie die Ministerien (BMWi, BMVI, BMBF) weiterleiten lassen, der zumindest Start-Ups, denen Fördergelder bereits bewilligt worden sind, d.h., die mitten in einem Forschungsprojekt stecken und sich aktuell ggf. schwer tun, den verlangten Eigenanteil aufzubringen, eine kreative Option offenhalten würde:

  1. Die bereits bewilligten Forschungsprojektmittel müssen aus meiner Sicht nicht erhöht werden.
  2. Dafür werden die Förderquotenbedingungen für die Phase der starken Einschränkungen durch COVID-19 ausgesetzt. Das bedeutet im Detail:
      • Geförderte Start-Ups können die Projektarbeit fortsetzen, müssen dabei jedoch nicht den Eigenanteil beitragen.
      • Die Fördermittelhöhe bleibt limitiert durch den bereits bewilligten Höchstbetrag.
      • Die Start-Ups verpflichten sich, die Forschungsprojektziele weiterhin aufrecht zu erhalten und zu erreichen.

Damit wäre es zunächst dieser Gruppe von jungen Unternehmen weiterhin möglich, Arbeitsplätze zu sichern, die Projektarbeit weiterhin aufrecht zu erhalten und einen wichtigen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft zu leisten.

 

Ein unverschämt optimistischer Plan

Was wäre, wenn wir uns dieses Mal gemeinsam dafür entscheiden, Innovation und Entwicklung so viel Raum wie möglich zu geben, damit wir nach dem Überstehen der Krise mit neuen Konzepten erfolgreich durchstarten können?

Ich möchte diesen Plan an einem Beispielen fest machen und damit einige Freunde, Partner und Wegbegleiter benennen. Es geht um einen sehr zentralen Bereich, der auch aktuell Besonderes leisten muss– die Logistik- und Mobilitätsbranche. Ganz gleich ob wir Lieferando oder Delivery Hero nutzen, in Zeiten einer Pandemie stellen sich entscheidende Fragen (Quelle: WSJ), wenn es um die Belieferung von Haushalten mit frischem Essen geht:

  • Sind ausreichend Rohstoffe für die Produktion von fertigen Mahlzeiten vorhanden?
  • Wie wird das Essen übergeben?
  • Wie läuft der Bezahlprozess ab?
  • Wie kann eine Auslieferung sichergestellt werden, bei der niemand gefährdet wird?

Neben diesen direkt mit der derzeitigen Situation zusammenhängenden Herausforderungen, stellen sich auch viele allgemeine Fragen, die die gesamte Branche hinsichtlich ihrer Zukunftsfähigkeit prüfen. Während direkt nach Ausbruch der Pandemie zunächst eine zurückhaltende Nachfrage feststellbar gewesen ist, steigen die Umsätze in vielen Bereichen der Belieferung mit Lebensmitteln nun deutlich an. Das betrifft auch viele Lebensmittelonlinemärkte wie bspw. REWE, PicNic, Amazon Fresh oder andere (Quelle: Welt). Hier zeigt sich, dass besonders ältere Käufer die Angebote nutzen, um sich bei ihrem täglichen Einkauf nicht unnötig zu gefährden. Oder Käufer reagieren auf die veränderte Nachfragesituation, die zum Teil zu einem Ausverkauf von dringend benötigten Waren geführt hat. Die Planungssicherheit, die ein Check des Onlineshops eines Lebensmittelhändlers online bietet, verschafft eine ganz neue Möglichkeit der Kalkulierbarkeit der Verfügbarkeit der Waren. Neben der vermeintlichen Bequemlichkeit und Zeitersparnis dürften dies zukünftig entscheidende Faktoren sein. Damit die vorhandenen Angebote ausgebaut werden und weitere, neue Angebote entstehen können, bedarf es mutiger Investitionen und einer ebenso mutigen Nachfrage von Partnern, Kunden und Lieferanten. Wenn wir uns in diesem Bereich als Gesellschaft und Wirtschaft nicht deutlich öffnen und rasch Grundlagen schaffen, die einen Finanzierung solcher Geschäftsmodelle langfristig ermöglichen, wird diese vielleicht einmalige Chance einfach an uns vorbeiziehen.

Was hier gilt, gilt auch für andere Bereiche der Logistik. Micromata entwickelte eine Online-Frankier-Plattform für DHL, Wingcopter erschließt den Luftraum für Warentransporte und die Motion Miners verarbeiten Daten zu effizienten Arbeitsläufen. Ganz gleich ob Konzepte für die letzte Meile wie ONO, Angel, Liefery, Easy2go oder viele, viele andere oder bereits sehr erfolgreiche Unternehmen wie Sennder, Magazino, Freighthub oder Smartlane – all diese Unternehmen benötigen in der Krise die Sicherheit, dass ein Weiterarbeiten an der Entwicklung, ihren Produkten und Lösungen möglich ist. Das sichert nicht nur die vielen Arbeitsplätze in diesen Unternehmen, sondern kann nach Ende der Zeit des Shut Downs einen doppelt positiven Effekt haben: Der Innovationsschub kann die gesamte Wirtschaft befeuern, wenn die Zeit genutzt wird, um im engen virtuellen Austausch mit den potentiellen Kunden die Entwicklungen so aufzustellen, dass sie anschließend direkt und nahtlos angewendet werden können. Das wiederum eröffnet ganz neue Möglichkeiten für die Kundenseite, spart in den meisten Fällen Zeit und Kosten und ebnet mit Sicherheit einen Weg in eine deutlich klimafreundlichere Ressourcenverwendung und Logistik.

 

Die Krise als Chance

Die Liste der Beispiele ließe sich endlos fortsetzen. Erstaunlich bei all dem bleibt, dass Corona schafft, was die vielen Klimadiskussionen nicht erreichen konnten: wir reduzieren uns und denken über neue Wege nach. Diese Chance müssen wir ergreifen, wir müssen Innovation als komplexe, allumfassende Bewegung verstehen und vermeintlich radikalen Angeboten echte Chance einräumen. Dieser unverschämt optimistische Plan bedeutet:

  • Investitionen der öffentlichen Hand ausbauen und stärken – öffentliche Gelder müssen freigegeben werden, ohne dabei bürokratische Hürden aufrecht zu erhalten und Bedingungen zu stellen, die von jungen Unternehmen selten eingehalten werden können.
  • Private Investoren müssen weiter investieren – die Schwankungen an den Börsen zeigen, dass das derzeitige Wirtschaftssystem extrem anfällig ist und wir gemeinsam an einer Neuordnung der Weltwirtschaft arbeiten müssen. Kurzfristige Liquiditätsgedanken helfen in einer solchen Zeit niemandem und das ewige Spiel, dass am Ende solcher Krisen immer der gewinnt, der die höchst Liquidität aufweist, müssen endlich ein Ende haben. Nur, wenn privates Geld investiert wird, können Innovationen erfolgreich etabliert werden.
  • Kunden und Partner müssen offen bleiben – auch in Zeiten von Homeoffice, abgesagten Projekten und Terminen muss es eine grundsätzliche Offenheit aller geben, die Innovationsprozesse nicht abrupt zu beenden, indem den Treibern der Innovation, den vielen Start-Ups, der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Indirekte Förderung der jungen Unternehmen durch entgegenkommende Vorkasse Regelung bei Pilotprojekten im B2B oder mutige Unterstützung von B2C-Innovationen mittels Crowdfunding oder Crowdinvesting können dazu beitragen, dass zukunftsträchtige Ideen nicht von der Krise aufgefressen werden, sondern realisiert werden können.

Wir sollten einen gemeinsamen Plan haben und Innovation als Chance verstehen, zukünftig nicht mehr so anfällig zu sein, wenn es zu ähnlichen Krisensituationen kommt. Das gilt für meine Beispiele, wie auch für die medizinische Versorgung, Touristik- und Reiseanbieter sowie die vielen Versorgungslücken bei dringend benötigten Materialien. Keine De-Globalisierung, sondern das Umsetzen eines unverschämt optimistischen Plans.

 

Benjamin Federmann